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MIL-STD-461F und 461G: EMV-Prüfung bei robusten Geräten

MIL-STD-461 regelt die elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) von Geräten: wie viel Störung ein Gerät abgibt und wie viel Störung es verträgt, ohne Fehler zu machen. Mit Stürzen, Vibration, Hitze und Nässe hat die Norm nichts zu tun. Das behandelt MIL-STD-810, und dazu gibt es bereits Beiträge: MIL-STD-810 bei Laptops und Tablets, Laptop nach Militärstandard und Fallschutz und Prüfaufbau nach MIL-STD-810. Hier geht es nur um 461.

Von den 45 Datenblättern auf robustbook.bitblade.io nennen 18 eine 461-Fassung: 15 die Fassung G, drei die ältere Fassung F. Dieser Beitrag erklärt, was die Norm verlangt, was sich zwischen F und G geändert hat und was hinter der Zeile „MIL-STD-461G“ im Datenblatt steht und was nicht. Er zeigt auch einen Widerspruch zwischen zwei Herstellerfassungen desselben Tablets. Die Normtexte haben wir selbst gelesen: MIL-STD-461G vom 11. Dezember 2015 und MIL-STD-461F vom 10. Dezember 2007, beide in der öffentlichen Fassung des US-Verteidigungsministeriums.

Was MIL-STD-461 regelt

Die Norm heißt „Requirements for the Control of Electromagnetic Interference Characteristics of Subsystems and Equipment“ und ist ein Interface-Standard des US-Verteidigungsministeriums (DoD). Sie legt Anforderungen und Prüfverfahren für elektronische, elektrische und elektromechanische Geräte fest, die das DoD beschafft (Abschnitt 1.1). Am besten passt sie laut Norm auf Gehäuse bis zur Größe eines Geräteschranks, auf Kabelbäume zwischen den Gehäusen und auf Strom aus einer Primärquelle. Auf Baugruppen im Gehäuse und auf ganze Plattformen soll man sie nicht direkt anwenden. Ein Tablet oder Laptop ist damit ein typischer Prüfling; die Norm nennt ihn EUT (equipment under test).

Der Hintergrund steht im Vorwort: Das Gerät soll in seiner vorgesehenen elektromagnetischen Umgebung innerhalb seiner Toleranzen arbeiten. Wer ein Gerät im Fahrzeug oder im Zelt neben Funkgeräten und Generatoren betreibt, braucht beides: Das Gerät darf andere nicht stören, und andere dürfen es nicht stören.

Die Kennungen folgen einem festen Schema (Abschnitt 1.4). Der erste Buchstabe sagt, wo die Störung läuft: C für leitungsgeführt (conducted), R für gestrahlt (radiated). Der zweite sagt, in welche Richtung: E für Emission, das Gerät sendet Störungen aus, S für Susceptibility, das Gerät wird gestört. CE102 ist also eine leitungsgeführte Emission, RS103 eine Störfestigkeit gegen ein gestrahltes Feld.

Die Prüfverfahren, die in Datenblättern am häufigsten gemeint sind

MIL-STD-461G führt in Tabelle IV 19 Anforderungen auf. Welche davon für ein Gerät gelten, entscheidet Tabelle V je nach Plattform: Landfahrzeug von Heer, Marine oder Luftwaffe, Schiff, U-Boot, Flugzeug, Raumfahrt. Jede Anforderung ist dort „anwendbar“, „eingeschränkt“ oder „vom Auftraggeber festzulegen“. Fünf Verfahren kommen bei Laptops und Tablets am häufigsten zur Sprache.

VerfahrenTitel laut NormGeltungsbereich in MIL-STD-461G
CE102Conducted Emissions, Radio Frequency Potentials, Power Leads10 kHz bis 10 MHz, alle Stromanschlüsse (Abschnitt 5.5.1)
CS114Conducted Susceptibility, Bulk Cable Injection10 kHz bis 200 MHz, alle Verbindungskabel einschließlich Stromkabel (5.12.1)
CS118Conducted Susceptibility, Personnel Borne Electrostatic DischargeGeräte mit Mensch-Maschine-Schnittstelle; 8 kV Kontaktentladung bei leitenden Flächen, 150 pF über 330 Ω (5.16)
RE102Radiated Emissions, Electric FieldLandfahrzeuge 2 MHz bis 18 GHz; Schiffe, U-Boote, Heer- und Marineflugzeuge, Raumfahrt 10 kHz bis 18 GHz (5.18.1)
RS103Radiated Susceptibility, Electric Field30 MHz bis 18 GHz für alle; 2 MHz bis 30 MHz für Heer und Marine, sonst optional; 18 GHz bis 40 GHz optional (5.21.1)

Die beiden Störfestigkeitsprüfungen CS114 und RS103 laufen mit einem pulsmodulierten Signal: 1 kHz, 50 Prozent Tastverhältnis, mindestens 40 dB zwischen Ein und Aus (Abschnitt 4.3.10.4.2). Bestanden hat das Gerät, wenn es keine Fehlfunktion, keine Leistungsminderung und keine Abweichung von den festgelegten Anzeigen zeigt, und zwar innerhalb der Toleranzen, die in der Spezifikation des jeweiligen Geräts stehen (zum Beispiel 5.12.2). Die Toleranz legt also nicht die Norm fest, sondern die Gerätespezifikation. Ein Datenblatt nennt sie nicht.

461F und 461G: was sich geändert hat

Die Fassung G löste F am 11. Dezember 2015 ab; F stammt vom 10. Dezember 2007 und hatte die Fassung E vom 20. August 1999 abgelöst. Beim Vergleich der beiden Normtexte fallen drei Änderungen auf.

Wichtig für die Praxis: Ein Gerät, das nach F geprüft wurde, musste CS118 und CS117 nie bestehen, weil es sie in F nicht gab. Umgekehrt steht in keinem der 18 Datenblätter, ob ein Gerät mit der Angabe „461G“ diese beiden Prüfungen tatsächlich durchlaufen hat. CS118 gilt nach der Norm für Geräte mit Mensch-Maschine-Schnittstelle, ein Tablet mit Touchscreen gehört dazu. Ob der Auftraggeber sie verlangt, ist wieder eine Frage des Zuschnitts, den der nächste Abschnitt beschreibt.

Was hinter „MIL-STD-461G“ im Datenblatt steht und was nicht

Die Zeile im Datenblatt ist eine Kurzform. Aus der Norm selbst folgt, was sie verschweigt.

Erstens wird die Norm je Beschaffung zugeschnitten. Der Auftraggeber darf Anforderungen verschärfen, lockern oder weglassen und muss die angepassten Prüfverfahren in einem Prüfplan (EMITP) festhalten; das Ergebnis steht im Prüfbericht (EMITR). Das steht in Abschnitt 1.2.2 und 4.3. Ein Datenblatt sagt nicht, welche der 19 Anforderungen mit welchen Grenzwerten geprüft wurden und für welche Plattform.

Zweitens gilt das Ergebnis für eine bestimmte Konfiguration. Hardware, Software und Firmware des Prüflings müssen laut Abschnitt 4.3.8.1 der Serie entsprechen. Der Anhang A.4.1 hält fest, dass der Qualifikationsstatus nach Hardware- oder Softwareänderungen unsicher wird. Er verlangt dann entweder eine Analyse, die keine wesentliche Auswirkung zeigt, oder eine begrenzte Nachprüfung, meist mit Zustimmung des Auftraggebers. Der Anhang ist laut Abschnitt 1.3 nicht vertraglich bindend, er erläutert die Auslegung. Das Durabook R10 hat 18 Konfigurationsgruppen; bei einem solchen Gerät lohnt sich die Frage, für welche Konfiguration der Prüfbericht gilt.

Drittens hängt an der Angabe bei Getac eine Fußnote. In allen neun Getac-Herstellerdatenblättern mit 461G-Angabe, die wir ausgewertet haben (A140, B360 G3, F110, K120, T800, UX10, V110, V120, X600), steht an der Zeile „MIL-STD-461G certified“ ein Hinweis, dass das „MIL-STD-461 AC adapter“ separat verkauft wird. Es handelt sich um 90 W, beim X600 um 230 W. Die Datenblätter sagen nicht, ob die Angabe auch mit dem Standardnetzteil gilt. Wir lesen die Fußnote so, dass die Prüfung mit dem 461-Netzteil erfolgte; bestätigt ist das nicht. Zur Prüfung nach MIL-STD-810H nennen dieselben Datenblätter ein unabhängiges Prüflabor, zu 461 nennen sie keines.

Der Widerspruch beim Durabook R10

Zum Durabook R10 liegen zwei Herstellerdatenblätter vom selben Datum vor (9. Dezember 2025). Die deutsche Fassung nennt „MIL-STD-461F-zertifiziert“, die englische „MIL-STD-461G certified“. Beide zählen in Klammern vier Prüfgruppen auf. Welche Angabe stimmt, lässt sich aus den Unterlagen nicht entscheiden; ein Prüfbericht liegt uns nicht vor. Auf unseren Seiten folgt das deutsche Datenblatt der deutschen, das englische der englischen Fassung. Wer das R10 mit 461-Auflage beschafft, sollte sich die Fassung von Durabook schriftlich bestätigen lassen. Beim Durabook R11 und beim R11L sind beide Sprachfassungen einig: 461F.

Bestandsgeräte mit 461-Angabe im Datenblatt

Die 461F-Angabe tragen das Durabook R10 (deutsches Datenblatt), das R11 und das R11L. Alle übrigen 15 Datenblätter nennen 461G. Sechs Geräte mit den Kerndaten aus dem jeweiligen Datenblatt:

Gerät461-AngabeDisplayIP-SchutzartGewichtBetriebstemperatur
Durabook R8MIL-STD-461G8,0 ZollIP660,86 kg-20 °C bis 60 °C
Durabook R10MIL-STD-461F (deutsch), MIL-STD-461G (englisch)10,1 ZollIP661,2 kg-29 °C bis 63 °C
Durabook R11MIL-STD-461F11,6 ZollIP661,2 kg-20 °C bis 60 °C
RuggON Sol 7MIL-STD-461G12 ZollIP651,5 kg-20 °C bis 60 °C
Getac V120MIL-STD-461G12,2 ZollIP662,1 kg-29 °C bis 63 °C
Getac X600MIL-STD-461G15,6 ZollIP664,41 kg-29 °C bis 63 °C

Weitere Geräte mit 461G-Angabe sind Durabook U11I und Z14I sowie die Getac-Modelle A140, B360 G3, F110 G7, K120, T800, UX10, V110 G7, X500 und X500 Server. Eine Sonderstellung hat das Getac X500: Sein Datenblatt nennt 461G zusammen mit MIL-STD-810G statt 810H, und für dieses Modell liegt kein Herstellerdatenblatt vor; die Angabe stammt aus der Vergleichstabelle Laptops. Das Gewicht des X600 gilt laut Datenblatt je nach Konfiguration.

Wann die Angabe für Sie zählt und wann nicht

Sie brauchen eine 461-Angabe, wenn Ausschreibung, Lastenheft oder Vertrag sie nennt. Die Norm ist ein Beschaffungsdokument des DoD und wird in solchen Unterlagen angepasst. Die Branchenseite Militär beschreibt typische Einsätze und empfohlene Geräte; ob ein Gerät dort die 461-Angabe trägt, entscheidet das jeweilige Datenblatt. Wer nur ein robustes Gerät für Lager, Baustelle oder Werkstatt sucht, kommt mit IP-Schutzart und MIL-STD-810 aus; die Zeile 461 beeinflusst dort die Auswahl kaum.

Wenn 461 verlangt wird, klären Sie vor der Bestellung vier Punkte:

Die Grenzen dieses Beitrags: In den Datenblättern, auf denen er beruht, steht weder ein Prüfbericht noch eine Liste der geprüften Verfahren. Wer ein Gerät für Schiffe oder Luftfahrzeuge sucht, findet in diesen Unterlagen keine Aussage zur Plattform. Das gilt für alle genannten Geräte.

Häufige Fragen

Ist MIL-STD-461 dasselbe wie MIL-STD-810?

Nein. 461 prüft die elektromagnetische Verträglichkeit, 810 die Umweltbedingungen wie Stoß, Vibration und Temperatur. Die Datenblätter führen beide Normen in einer Zeile, geprüft werden sie getrennt.

Ist 461G besser als 461F?

G ist die neuere Fassung und enthält mit CS117 und CS118 zwei Anforderungen mehr als F, dafür fehlt CS106. Ob ein bestimmtes Gerät die zusätzlichen Prüfungen bestanden hat, steht in den Datenblättern nicht. Verlangt Ihr Lastenheft 461F, ist ein Gerät mit 461F-Angabe kein Mangel.

Ist „MIL-STD-461G certified“ ein amtliches Zertifikat?

Der Normtext nennt keine Zertifizierungsstelle. Er beschreibt Anforderungen, Prüfverfahren und den Prüfbericht. Die Angabe im Datenblatt ist eine Aussage des Herstellers; der Beleg wäre der Prüfbericht.

Gilt die Angabe auch mit dem Standardnetzteil?

Bei Getac ist das aus dem Datenblatt nicht zu entnehmen. Es nennt ein eigenes „MIL-STD-461 AC adapter“, das separat verkauft wird. Fragen Sie vor der Bestellung nach, mit welchem Netzteil geprüft wurde.

Fazit: wer 461 verlangen sollte

Verlangt Ihr Lastenheft 461G, sind die Getac-Geräte der Tabelle, das Durabook R8 und das RuggON Sol 7 ein Ausgangspunkt, weil ihre Datenblätter die Fassung G nennen. Verlangt es 461F, nennen das Durabook R11 und das R11L diese Fassung in beiden Sprachfassungen. Beim Durabook R10 sollten Sie die Fassung vorab schriftlich klären. Nicht ausreichend ist die Zeile im Datenblatt für Ausschreibungen, die Prüfbericht, Plattform oder Netzteil festlegen: Dann brauchen Sie die Unterlagen des Herstellers. Wer nur Robustheit sucht, wählt nach Schutzart und Falltest und kann 461 ignorieren.

Wenn Sie wissen möchten, welches Gerät zu Ihrer Ausschreibung passt, unterstützt Sie das RobustBook-Team gerne bei der Auswahl.